Entry: Taoismus ist die Versoehnung von Geist und Natur Thursday, August 13, 2015





Die Selbstentfremdung des Menschen bedeutet tatsaechlich auch eine Abspaltung derjenigen Ebene ganzheitlicher Wirklichkeit, fuer die Tao steht. Es besteht die progressive Tendenz einer rigorosen "Verdinglichung" des Menschen und der Menschenwelt: Werden die Wertungen, die Ideale, die Moral, ja das ganze implizit verwirklichte Lebensbild einer Familie oder gar einer Gesellschaft in so absoluter Weise ueber den Heranwachsenden verhaengt, dass schlechthin seine ganze Aufnahme, seine Grundrechte, sein Angehoert- und Ernstgenommen-Werden bloss davon abhaengen, ob er sich hier restlos einfuegen kann, so muss aus dem Empfang eine Gefaengnishaft werden und dadurch, dass und wie er sie erleiden muss, wird das System der Goetzenanbetung, bei dem spaeter vielleicht daran Erkrankenden ausgebildet. Dem Leben, dem Geschoepflichen, das mitten unter uns geboren worden ist und wachsen soll, wird also kein Raum geboten, der ihm erlaubte, sich wider alle unsere Erwartungen durch etwas hindurch sinnvoll zu entwickeln, das unseren Idealen, Schemata und unserer Moral zunaechst problematisch ist oder uns tatsaechlich als im Boesen verstrickt begegnet. Wenn wir dem von uns in einen Abgottesdienst eingefuehrten Menschen aber dann nicht Schoepfer, Erhalter, Zuechtiger und Erloeser sein koennen (obwohl wir ihn in einen solchen impliziten Glauben haben hineinwachsen lassen), faellt er vielleicht spaeter in den Abgrund einer Psychose. Sein Unglaube wird dabei sogar explizit zu seiner verzweifelten, ihn hoffnungslos treibenden Angstherrschaft, wo er die Reste seines 'Eigenen' in erstarrter Isolierung zu beschuetzen und zu erhalten trachtet. Es muesste erst geklaert werden, inwieweit gerade dieses Dilemma tatsaechlich Grundlage einer schizophrenen Beeintraechtigung sein kann; in jedem Fall steht es am Anfang der Entwicklung zum Sozialtypus 'Untertan', dem 'autoritaeren Charakter'; dies ist die Grundsituation der ihrer Autonomie enteigneten Menschen unserer Gesellschaft, die gleichwohl alleingelassen werden. Die Schizophrenie des Einzelnen und der Allgemeinheit entsteht aus der Entfremdung des Menschen von seiner Umwelt und letztlich aus der Saekularisierung, der Abkehr oder Spaltung der Menschen vom Tao. Diese Anthropozentrik ist zerstoererisch: Das selbstherrliche Verfuegen ueber die Realitaet, ueber das, was gut und boese, richtig oder falsch, erlaubt bzw. nicht erlaubt ist, was anstaendig oder unanstaendig, gerecht bzw. ungerecht ist, was zu verstehen ist und was als uneinfuehlbar zu verdammen und abzustossen ist, was nicht geduldet, nicht einmal angehoert oder angesehen, geschweige denn verstanden werden darf, sondern isoliert und zum Verstummen, zum Verschwinden gebracht werden soll -- dieses selbstverstaendliche Besitzergreifen von der 'Wirklichkeit' beschirmt uns davor, in die Abgruende unseres Menschseins -- in unsere eigenen Noete -- in die eigene Versklavung -- in die Not unserer Mitmenschen, in unsere Mitverantwortung hinabtauchen zu muessen. So werden wir vor Aengsten, vor Auseinandersetzungen, vor schmerzhaften Einsichten und vor dem Mittragen der gemeinsamen Buerde bewahrt.

   1 comments

Pandschala
August 13, 2015   12:07 PM PDT
 
sehr gut

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