Entry: Die Theorie des Karma ist ein Versuch, eine zufriedenstellende Erklaerung zu finden: In meinem vergangenen Leben machte ich etwas falsch und darum leide ich jetzt. Tuesday, October 20, 2015



Das spirituelle Business mit all seinen Gurus, Methoden und Workshops hilft mir nicht nur nicht aufzuwachen, sondern laesst mich noch tiefer schlafen.
Ich bin ein trickreiches Wesen, wenn es darum geht, das Ego zu staerken und Schmerz zu vermeiden. Ob im heiligen Gewand, als Yogi oder friedvoller Krieger: Scheinbar suche ich nach der Wahrheit und merke nicht, dass ich auch auf dem spirituellen Weg einfach nur high werden will.
Es wird derzeit viel ueber Lichtarbeit geredet. Es geht aber viel mehr um Schattenarbeit, das heisst die Orte, die mein Licht am meisten brauchen, sind meine eigenen Schatten.
Das positive Denken versucht, das Leben, wie es ist, zu negieren und Kontrolle darueber zu erlangen. Aber ich erreiche das Licht nicht, indem ich mir schillernde Lichter vorstelle, sondern indem ich in den Untergrund gehe und mich mit meinen Schattren auseinandersetze.
Die spirituelle Reise dreht sich allein ums Verlieren. Es geht darum, alles zu verlieren. Und das ist nur fuer die Mutigen. Es geht darum, auf angsteinfloessende Art und Weise nackt zu werden. Alles, was ich auf der spirituellen Reise zu gewinnen scheine, ist das Ego. Es gibt absolut keinen Gewinn. Wenn Leute sagen: Ich hatte diese wundervolle spirituelle Erfahrung, dann sage ich: Ja, dein Ich hatte diese Erfahrung. Eine wirklich spirituelle Erfahrung vernichtet das Ich. Aber ich selbst kann das Ich nicht loslassen, weil ich das Ich bin. Also gibt es diese Verwirrung. Es ist wieder nur das Ego, das staendig alles ansammelt. Der wirkliche Duft der der Liebe erreicht mich erst, wenn schon genug losgelassen wurde.
Das Ich, das die Umwelt retten will, ist das gleiche Ich, das sie zerstoert. Das Ich, das ein Heiler sein will, ist das gleiche Ich, das durch seine Egozentrik all die Schmerzen verursacht. Es ist genau dieses Gefuehl, ein Ich zu sein, das es loszulassen gilt. Wenn ich glaube, ich waere mein T-Shirt, dann bin ich in Schwierigkeiten. Aber das ist es, was die Menschen tun: Sie besorgen sich einfach nur ein netteres T-Shirt. Statt Nylon ist es nun Baumwolle. Aber es ist immer noch ein T-Shirt.
Das Ego kommt zur Spiritualitaet und denkt, es kann machtvoller werden. Aber geistige Arbeit ist die Guillotine fuer das Ich. Es ist schmerzhaft. Wenn ich keine Schmerzen auf meinem spirituellen Weg habe, dann bin ich auf einem Ego-Trip. Es ist nicht angenehm.
Das positive Denken versucht den Willen zu benutzen, um den Schmerz zu verdraengen. Aber bei der Spiritualitaet geht es um Hingabe und darum, den eigenen Willen loszulassen. Das Ich ist ein Kontroll-Freak und es hat Angst. Und das erzeugt eine spirituelle Sub-Persoenlichkeit innerhalb des Egos.
Es ist das Ich, dass spirituelle Erfahrungen hat und sich dann insgeheim als etwas Besonderes fuehlt.
Dann werde ich alles tun, um solche Erfahrungen zu wiederholen. Das ist wirklich gefaehrlich, es sei denn, ich verstehe, dass diese Erfahrungen wirklich absolut nichts bedeuten. Ich kann eine Kundalini-Erfahrung haben und immer noch voellig verdreht sein. Und ich werde vielleicht sogar noch verdrehter, weil ich jetzt denke, ich waere etwas Besonderes. Mit einem Fuss stehe ich in der Einheit-Erfahrung, mit dem anderen im Ego.
Und es geht noch weiter: Die psychologische und die spirituelle Ebene sind zwei voellig verschiedene Dinge, auch wenn ich die volle Erfahrung des Erwachens habe. Es ist ein Irrglaube, dass wenn ich erst mal erwacht bin, das Ego automatisch geklaert ist. Ich kann einen Fuss fest in der Erleuchtung haben und den anderen in dem, was man PMS nennt: Power Money Sex. Und das ist das, was ich in vielen spirituellen Lehrern sehen kann: Das Geld-Ding, das Macht-Ding und das Sex-Ding.
Es geht nicht um die Aktion, es ist die Absicht. Ich kann zu zehn Workshops gehen und es kann eine interessante Erfahrung sein, aber wenn ich denke, dass sie mich erleuchten werden, dann ist das eine andere Sache. Die Quintessenz ist, dass ich Phaenomene mit dem Absoluten verwechsle. Bin ich auf der Suche nach dem Absoluten und meiner wahren Natur, ist das eine Geschichte. Geht es mir um farbige Erscheinungen, ist es eine andere. Jeder denkt, spirituelle Erfahrungen waeren das Absolute. Sie sind es nicht.
Den Menschen, die psychologische Arbeit tun, mangelt es an einer spirituellen Perspektive und viele der spirituellen Menschen haben Angst davor, sich mit ihrer Psyche auseinanderzusetzen.
Aber das Leben ist nur ein Spiegel, in dem ich mein eigenes Bewusstsein erkennen kann.
Alles, was mich an anderen Menschen stoert, ist das, was in mir selbst feststeckt. Ich kann nicht alle Menschen moegen, aber ich kann alle lieben. In der Spiritualitaet wird es oft verdreht: Ich versuche, alle zu moegen. Aber das Moegen ist der Job meines Egos. Lieben ist der Job meiner Seele. Es koennen mir also bestimmte Dinge an anderen Menschen nicht gefallen, aber ich habe meinen Frieden damit und kann sie immer noch lieben. Wenn es bei mir aber emotional etwas ausloest, dann ist mein eigenes Zeug, was ich da sehe. Wenn ich hoere, dass bestimmte Menschen immer ueber andere reden, „die, die, die“, das sind sie selbst! Alles, was mich an jemandem stoert, ist das, wo ich noch Arbeit zu tun habe.
Das Leben ist der einzige Lehrer. Aber wenn das Ego, das sich versteckt haelt, sich bedroht fuehlt, dann gehen die Sicherheitswaende hoch. Und dann beginnt die Arbeit. Also sind Liebesbeziehungen das Haerteste, was ich erleben kann. Ein Moench zu sein, ist einfach. Und ich denke, nur einer von einer Million Menschen sollte wirklich ein Moench werden. Die meisten Menschen kommen zusammen fuer Sex und dann schlafen sie ein. Aber wirklich wach zu bleiben in einer Beziehung ist das Haerteste, was ich tun kann.
Aber auch eine grosse Chance, wenn beide entschlossen sind, die Beziehung als ein Mittel des Wachstums zu nutzen.
Das Leben ist der ultimative Lehrer. Weil staendig Dinge passieren und ich staendig damit befasst bin, sie zu verarbeiten, indem ich wirklich mein Herz oeffne und schaue, wo ich gerade stehe.
Krankheit ist eine grosse Chance, weil ich dann anfange, zu fragen. Es ist nicht Gott, der mich bestraft. Das bin alles ich selbst und ich muss Verantwortung uebernehmen. Und ich muss auch erkennen, dass ich manchmal hilflos bin und von der Gnade des natuerlichen Geschehens abhaengig bin.
Wenn ich staendig in meiner Hilflosigkeit sein kann, dann bin ich OK. Wenn ich wirklich eintauche in die Hilflosigkeit, transzendiere ich das Ego, das das Leben auf eine bestimmte Weise haben moechte.
Hilflosigkeit ist brutal.
Ein Test ist: Fuehle ich mich einzigartig oder fuehle ich mich besonders? Wenn ich mich besonders fuehle, dann war die spirituelle Erfahrung nichts wert. Wenn ich mich einzigartig fuehle, werde ich diese Einzigartigkeit auch noch loslassen muessen. Aber wenn ich mich als etwas Besonderes fuehle, bin ich von meinem Weg abgekommen.
Es gibt zwei gefaehrliche Fallen. Die eine ist, zu denken, ich haette etwas erreicht, denn dann denkt das Ego, es haette etwas erreicht. Die andere ist, irgendjemandem oder irgendetwas nachzulaufen. Es gibt nichts zu bekommen. Alles, was ich erreiche, hatte ich schon die ganze Zeit. Und viele Menschen lassen sich verwirren von ihren speziellen Faehigkeiten, die jeder hat. Einige Leute werden Hellseher, einige Leute Heiler, das sind alles nur Phaenomene. Ich kann das trainieren, aber nichts von diesen Dingen hat irgendeine Bedeutung fuer das Absolute. Viele Leute stecken dort fest und fuehlen sich besonders. Und einige denken sofort, sie haben etwas zu lehren.
Wir haben immer nur Leute um uns, die fuer uns bequem sind. Spirituelle Menschen haengen nur mit spirituellen Menschen herum. Aber es braucht ein freies Wesen, um in eine unbequeme Situation zu gehen und noch immer ich selbst zu sein. Also begebe ich mich in eine Situation, in der ich sagen kann: Ich weiss nicht.


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